Das Leben mit Fatique Vol. 7 – Alte Knochen biegen

Hier und heute lass ich also mal die Hosen runter. Wie sieht es denn aus mit Sport bei einer chronischen Fatique?

Damals nach den zwei Brust OP’s. Oh was habe ich die Übungen belächelt, die ich vom Krankenhaus mitbekommen habe um die Beweglichkeit der Arme und des Oberkörpers wieder herzustellen. Pillepalle, Was soll ich denn damit anfangen?

Ich bin gelaufen, geradelt habe Krafttraining gemacht und sogar wieder auf der Judomatte gestanden. Weil: viel Sport bei Fatique ist ja sooo gut. NEIN, NEIN UND NOCHMAL NEIN. Ich widerspreche dem vehement. Denn die Dosis macht das Gift, das wusste schon der alte Paracelsus.

Heute sieht meine Sportwoche in etwa so aus:

  • Täglich: 30 min. MBSR Meditation für die Akzeptanz
  • Täglich: 10 min. Yoga Sonnen- oder Mondgruss für die teuflischen Schmerzen in Muskeln und Gelenken
  • täglich: 15 min. Pilates für die ganz gemächliche Stärkung aller Muskelgruppen
  • 2 mal wöchentlich: 45 min. eine ganz lockere Runde Nordic Walking
  • wöchentlich: eine Wanderung auf einer der Allgäuer Berge oder auch mal eine E-Bike Tour mit einigen Höhenmetern

Es ist genau das was mir das Gefühl gibt „es tut mir für Körper und Geist gut“. Ich ordne der täglichen Bewegung vieles unter. Das kann ich weil ich in Rente bin und auch niemanden mehr versorgen muss. Ich bin in der absolut privilegierten Situation mich hauptsächlich um mich kümmern zu dürfen und dafür bin ich sehr dankbar. Denn an manchen Tagen passiert außer dem Sportprogramm rein gar nichts mehr, weil es mir zu viel ist.

14.04.21 Alarm im Darm

Uaahh. Darmspiegelung. Für mich ein Wort das mich ängstigte.

Schon zwei Anläufe hatten die Ärzte genommen mich zu einer Koloskopie zu überreden.

2019 – Da waren mit Umzug beschäftigt. Hatte gerade keine Zeit dafür.

2020 – erneuter dezenter Hinweis. Mmmh, jetzt gleich? Ach ist doch grad corona Zeit und draußen so gutes Wetter😁 irgendwann bestimmt aber jetzt grad nicht.

Seitdem ging mir das Thema trotzdem nicht mehr aus dem Kopf. Im Februar habe ich dann noch mal mit meiner Hausärztin gesprochen und sie hat mir Mut gemacht.

Und tatsächlich habe ich einen Termin gemacht. Bei der Vorbesprechung kamen mir sofort wieder Bedenken. Was da alles passieren kann, diese Aufklärungsbögen sind einfach nicht mein Freund. Und dann die Anweisung zum abführen: Schon 5 Tage vorher aufpassen was man so isst. 1 1/2 Tage vorher nichts mehr essen. Dann abführen und Einlauf. Kein wirklich schöner Gedanke.

Aber o.k. Ich zieh das jetzt durch. Dann habe ich ja wieder 10 Jahre Ruhe (von wegen, aber davon später mehr). Abführen war o.k. Wurde zwar zur Snickers-Diva dank leerem Magen und war reichlich dehydriert was mir auch nachhaltige Kopfschmerzen bescherte, die Koloskopie als solches empfand ich wirklich als harmlos.

Kaum aus dem Schlummern erwacht die kurze Nachricht: „Wir haben vier Polypen entfernt, pathologischer Befund geht an den Hausarzt“. Ja und dann bei der Befundbesprechung die Info: „Mmh, also kaum zu glauben aber da wurde doch tatsächlich ein Adenom mit leichtgradigen Dysplasien, also eine Krebsvorstufe entfernt.

Ganz ehrlich, ich war geschockt. Ja es ist nur eine Vorstufe, ja sie ist rechtzeitig erkannt und entfernt worden aber WTF ist denn nur mit meinem Körper los? Das da schon wieder Zellen entarten. Wieder absolut keine Risikopatientin: kein Übergewicht, gesunde Ernährung, viel Bewegung und eigentlich noch viel zu jung. Das macht mir Angst und noch dazu kann ich mir meinen 10 Jahres Rhythmus jetzt in die Haare schmieren. Spätestens in zwei Jahren werde ich dann wohl wieder zur Snickers-Diva.

Das Leben mit Fatique Vol. 6 – Hilfestellung

Ja, wie wird man denn jetzt eigentlich wirklich ein glücklicher Schlappfisch 🤔…

Bei einer tumor-assoziierten Fatique gibt es leider nicht DAS Heilmittel. Es wird viel geforscht, es gibt gute Tipps und doch ist jeder Patient anders. Deshalb kann ich auch hier nur meine ganz persönlichen Erfahrungen mitteilen. Um den Fall in die Energielöcher ein wenig abzufedern hat mir Vitamin D (hatte einer sehr niedrigen Wert, den sollte man vor der Substitution mit Vitamin D immer erst bestimmen lassen) geholfen. Es gibt aber auch viele Studien zu Kurkuma und Guarana oder auch das Coenzym Q10. Bei mir haben diese Mittelchen nicht angeschlagen aber das ist wirklich bei jedem unterschiedlich. Auch die Homöopathie kann unterstützen. Wie gesagt alles kann…

Ich habe ein gutes halbes Jahr ein Energietagebuch geführt. Diesen Tipp habe ich aus dem Ratgeber Krebsfatique. Ihn zu lesen kann ich nur empfehlen. Auch meinem Mann hat sich durch die Lektüre noch einmal ein ganz anderer Blick auf die Erkrankung eröffnet.

Immer wieder wird auch zu viel Bewegung bei einer Fatique geraten. Für mich ein absolut zwiespältiges Thema. Wer meinen Blog von Anfang an gelesen hat, weiß das ich vor meiner Erkrankung sehr sportlich war und auch danach versucht habe mit Sport aus der Erschöpfung zu kommen. Und da liegt meiner Meinung nach die Krux. Als ambitionierter Sportler musst du über deine Grenzen gehen um besser zu werden. Und natürlich nimmt man diesen Gedanken auch mit ins Nachkrebs-Sportlerleben. Ohne Schinden keine Verbesserung. Ein fataler Denkfehler der mich letztendlich ganz tief stürzen ließ. Sport geht heute nur noch im absoluten Wohlfühlbereich ohne jegliche Grenzerfahrung.

Heute weiß ich, wenn ich bei der Planung eines Tages schon im Vorhinein Zweifel habe wie ich die notwendige Energie dafür aufbringen soll muss ich reduzieren. Nur dann sind die bösen Energieräuber in Schach ♟ zu halten.

Der ganz große Schritt zum Glücklichsein ist für mich die Akzeptanz der Erschöpfung. Im Hier und Jetzt sein.

„So wie es jetzt ist, ist es gut, denn alles geht vorüber“

Mein Mantra auf dem Weg zum glücklich sein

Das Leben mit Fatique Vol. 4 – Stecker raus…

Müde sind wir alle. Weil wir schlecht geschlafen, Party gemacht haben, oder weil wir mal einen Infekt auskurieren müssen.

Fatique ist anders, ganz anders. Ich habe noch nie mit jemanden gesprochen, dem ich das verständlich machen konnte, außer… wenn ich mit jemandem sprach der dies schon erlebt hat.

Diese vollständige Akkuentladung. Du hast das Gefühl du bist tiefentladen. Nichts, aber auch wirklich nichts geht mehr. Mit letzter Kraft auf die Couch, weil das Bett einen Stock höher schon unerreichbar scheint.

Ich war immer Sportlerin. Konnte mich schinden, mich auspowern, meine Grenzen austesten. Die Fatique bringt dich jedoch auch ohne irgendeine sportliche Herausforderung an ein Limit, dass du mit nichts vergleichen kannst. Vielleicht liegt diese abgrundtiefe Erschöpfung auch daran, dass anders wie nach dem Sport, bei dem Endorphine ausgeschüttet werden, du bei einer Fatique nur eine ganz ganz tiefe Leere in dir spürst.

Du fühlst dich wie ein altersschwacher Akku. Viel zu schnell, viel zu tief wirst du immer und immer wieder entladen. Du hast keine Reserven mehr, lädst im besten Fall vielleicht mal wieder zur Hälfte auf, um ganz schnell auch diese Energie wieder zu verlieren.

Manchmal träume ich davon wie es wäre wenn ich diesen Akku einfach austauschen könnte wie bei einem E-Bike. Was für eine verlockende Vorstellung.

Das Leben mit Fatique Vol. 2 – der tägliche Kampf um Energie

Ja es ist Wahnsinn. Wirklich Wahnsinn. Ich kann es nicht anders erklären. Was mit mir und meinem Körper geschieht ist Wahnsinn.

Ich kann 4 Stunden am Stück Bergwandern und fühle mich danach normal erschöpft, zufrieden und ausgeglichen.

Ich gehe abends 90 min. Yoga 🧘‍♂️ machen, empfinde dies als Hochleistungssport und krieche danach mit letzter Kraft ins Bett.

Wir haben Besuch, und nach 2 Stunden Huigarte (allgäuerisch für miteinander quatschen) muss ich mich aus der Gruppe ausklinken, weil ich einfach nicht mehr kann. Nur noch Ruhe, im Bett liegen, Schlafen. Mehr ist nicht mehr möglich.

Nähprojekte brauchen keine Tage, sondern Wochen. Weil es einfach nicht möglich ist, länger wie 2 Stunden am Stück die Konzentration und Energie an der Nähmaschine aufzubringen.

Und dann gibt es sie wieder. Einzelne Tage an denen es fast so scheint, die Erschöpfung wäre verschwunden. Ich nehme sie ganz genau wahr. Erfreue mich an meiner Kraft und der Vorfreude: „Aber jetzt, jetzt ist es wirklich vorbei mit der Erschöpfung!“. Ihr habt genau gelesen, oder? Ja es sind (noch) einzelne Tage und die wiederholen sich auch (noch nicht) wirklich oft. Sie geben mir immer ein Gefühl von „ich bin wieder ich“, zu krass ist einfach die täglich spürbare Veränderung des eigenen Seins.

Das Leben mit Fatique Vol. 1 – So fühlt es sich also an kraftlos zu sein

2016 nach der Akuttherapie fing diese Erschöpfung an. Eigentlich im Nachhinein gesehen, gar nicht mal schleichend, sie war schon morgens auf der Fahrt zur Arbeit Mitfahrer im Auto und begleitete mich ab da den ganzen Tag. Welche Auswirkungen hatte das?

Wochenenden waren nur noch dazu da sich irgendwie wieder einigermaßen kräftemässig in den Griff zu bekommen

Ich habe angefangen, meine Tage genau zu planen, wann brauche ich für was, wieviel Energie… Der Gedanke dahinter: „Nur bloß nicht wieder in dieses verdammt tiefe Erschöpfungsloch fallen“.

Ein Leben ausserhalb der Arbeit war nur noch sehr eingeschränkt möglich. Kochen, Putzen, Gassi gehen. Eine Tortur.

immer wieder wollte ich mir es doch noch mal beweisen. Bin altbekannte Wege gejoggt, geradelt, gewandert. Ja ich konnte das alles noch einigermaßen. Allerdings mit der fatalen Nachwirkung tagelang gar nicht mehr richtig zu funktionieren.

Als ich anfing zu begreifen, dass dies alles nicht zum Erfolg führt, begann ich meine Arbeitszeiten zu verkürzen, meine Führungsposition im Unternehmen aufzugeben um in die 2. Reihe zurück zu treten.

Und es war immer noch zu wenig. Ich kam einfach nicht mehr auf die Beine.

Kommt dir das alles irgendwie bekannt vor? Dann mach dich mal schlau zum Thema Fatique. Auch du könntest betroffen sein.

08.04.2020 Von wegen nix ist wie vorher…

Wenn es DIE eine Sache gibt die, wenn ich mal so richtig überlege vor dem Krebs nicht anders als nach dem Krebs ist, dann ist das meine Liebe zum Drahtesel. Hier seht ihr meine Radl Kinderstube angewachsen von 2013 – 2019. 🚲 💕 was da wohl 2020 kommen wird??? 🤔

Oktober 2018: Mit Akku geht es auch

So ganz kann ich es immer noch nicht fassen.

Ich, die totale Gegnerin des E-Bikes ist jetzt Besitzerin eines solchen. Das ist vielleicht von außen betrachtet die krasseste Veränderung seit April. Niemals hätte ich Anfang des Jahres in Betracht gezogen mit Unterstützung zu radeln. Viel zu gerne habe ich mich den Berg hochgeschunden. Jetzt da meine eigenen Akkus einfach einen Defekt im Ladevorgang haben muss es der Zweitakku am Rad richten.

Fazit: bergauf geht es jetzt zügiger, dafür ist es bergab mit dem Mehrgewicht jetzt kräfteraubender. Mein geliebtes Lady Spirit werde ich hoffentlich nicht für immer in die Ecke stellen. Das ist und bleibt einfach mein Berghammer.

05.07.19 Du weißt das du Rentner bist, wenn…

…Du in deiner „Arbeitswoche“ jeden Tag bei irgendeinem Arzt, Therapeuten oder im Krankenhaus ( o.k. Das waren nur Krankenbesuche) warst.

…Du die Möglichkeit hast, diese notwendigen Besuche auch mal mit einer Radltour zu verbinden

… Du dazu dein E-Bike nutzt, und langsam richtig auf den Geschmack kommst mit Motorunterstützung unterwegs zu sein (und das bis der Akku leer ist😊)

Rückblick Juli 2018: Reha II mit Motte

Mein Rehaantrag den ich im April 2018 noch mit der Erwartung gestellt hatte, dort wieder Kraft für den Alltag zu tanken, ist problemlos bei der DRV genehmigt worden. Sogar meine Wunschklinik, in der ich Reha mit Hund 🐕 machen kann, bekam ich zugesprochen. Jetzt sieht die Situation etwas anders aus. Ich bin vorerst nicht mehr arbeitsfähig. Weiß noch gar nicht wie lange ich das sein werde, und ob die Rehaklinik für meine mittlerweile diagnostizierte schwere Erschöpfungsdepression bei chronischer Fatique die Richtige ist.

Was soll ich sagen? Das beste an der Reha war, dass Motte bei mir war.

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